Interview mit Thomas Helmer

"Bayern ist als Meister gesetzt"

Früher Fußballprofi, heute Talkshow-Moderator. Geplant war das so nicht, verriet Thomas Helmer im Gespräch mit rtv.

25 Jahre Sportfernsehen

Am 1. Januar 1993 ging das Deutsche Sportfernsehen, kurz DSF, auf Sendung. 2010 schlossen sich DSF und sport1.de zum Sender Sport1 zusammen. Man könnte also 25 Jahre Sportfernsehen feiern, wenn man will. Sport1 will und stellt das Jubiläum in den Mittelpunkt seiner wöchentlichen Talkshow "Doppelpass". Die wird seit 2015 vom Ex-Profi Thomas Helmer moderiert. Wir haben mit ihm gesprochen: über seine Karriere, den Videobeweis, den FC Bayern und die Titelverteidigung des Weltmeisters.

Herr Helmer, am 1.1.1993 ging SPORT1, damals noch als DSF (Deutsches Sportfernsehen), auf Sendung. Was haben Sie damals gemacht?

Thomas Helmer: Wahrscheinlich nach Silvester regeneriert (schmunzelt). Sportlich war es eine aufregende Zeit: Es war mein erstes Jahr beim FC Bayern und ich weiß noch, dass wir mit Erich Ribbeck als Tabellenführer in die Winterpause gegangen sind.

Ihre Sendung "Der Doppelpass" ist das Aushängeschild beim Sender SPORT1. Sie moderieren den Fußballstammtisch seit 2015, vorher waren Sie vor allem als Experte und im Wechsel mit Jörg Wontorra im Einsatz. War das immer Ihr Plan, nach der Profikarriere auf die andere Seite der Kamera zu wechseln?

Thomas Helmer: Um ehrlich zu sein: überhaupt nicht. Man hat mich eben gefragt, ob ich als Experte arbeiten möchte und ich habe es ausprobiert. Die ersten Einsätze waren übrigens bei der EM 2000, als wir in Vaals in den Niederlanden unsere Nationalmannschaft begleitet haben. Es hat Spaß gemacht, und so hat sich das entwickelt.

Haben Sie auch mal mit dem Gedanken gespielt, Trainer zu werden?

Thomas Helmer: Ein ganz klares Nein. Ich habe das von vorneherein ausgeschlossen. Es gab ja zu der Zeit einen Trainer-Lehrgang für verdiente Nationalspieler, den hätte ich machen können. Berti Vogts hat mich gefragt. Jürgen Klinsmann, Lothar Matthäus, sie waren alle dabei. Doch ich wollte diesen Rhythmus nicht mehr mitmachen: Training, Hotel, immer auf dem Platz stehen. Das hat sich übrigens bis heute gehalten.

Das "Doppelpass-Phrasenschwein" hat Kultstatus. Was ist Ihre Lieblingsphrase?

Thomas Helmer: Wenn man keine Tore schießt, kann man nicht gewinnen. Oder: Wir müssen von Spiel zu Spiel denken. Und natürlich: Da muss man die Kirche im Dorf lassen. Hat uns alles im Doppelpass schon jede Menge Geld eingebracht (schmunzelt).
 

"Jeder kann jeden schlagen"

Am Freitag startet die Rückrunde der Bundesliga. Was denken Sie, erwartet uns?

Thomas Helmer: Eine sehr spannende Rückrunde, in der fast jeder jeden schlagen kann. Doch als Meister ist Bayern gesetzt. Ich glaube, dass Dortmund in der Rückrunde die Kurve bekommt und unter den ersten Vier landet. Und zum 1. FC Köln: Es wäre das größte Wunder, wenn sich der Klub noch retten würde, da muss man realistisch sein.

Wer kann die Bayern stoppen?

Thomas Helmer: Keiner. Sie können sich national nur selbst stoppen. Mit Jupp Heynckes haben sie genau den richtigen Schritt gemacht. Außerdem kommen ja viele verletzte Spieler wie Arjen Robben wieder zurück.

Ihre Meinung zum Videobeweis in der Bundesliga?

Thomas Helmer: Aus journalistischer Sicht natürlich ein sehr spannendes Thema. Ich war von Anfang an für den Videobeweis. Doch es hapert aktuell an der Umsetzung. Es braucht ganz klare Regeln, wann der Videoschiedsrichter eingreift. Die Gefahr ist, dass bei den Fans Emotionen zerstört werden. Es kann nicht sein, dass sie zum Beispiel minutenlang auf die Entscheidung warten müssen, ob Tor oder nicht.

Ihr Wechsel vom BVB zum FC Bayern Anfang der 1990er-Jahre war mit 7,5 Millionen DM der bis dato teuerste der Bundesligageschichte. Julian Draxler wechselte 2015/2016 für 35 Millionen Euro von Schalke zu Wolfsburg. Hat der Ablöse-Wahnsinn noch etwas mit der Realität zu tun?

Thomas Helmer: Nein, ich habe das schon damals bei meinem Wechsel gesagt: Kein Spieler ist so viel Geld wert. Ich habe das Gefühl, dass es nach dem Neymar-Theater etwas ruhiger geworden ist, aber warten wir mal den Sommer ab. Diese Summen versteht kaum noch jemand.
 

WM-Favorit Deutschland?

Was erwartet uns bei der WM in Russland?

Thomas Helmer: Ich hoffe, dass es richtig gute Spiele zu sehen gibt. Und kein 7:1 im Halbfinale, ohne den historischen Sieg von Deutschland gegen Brasilien abwerten zu wollen. Neben Deutschland zähle ich auch Frankreich, Brasilien und England zum Favoritenkreis.

Mission Titelverteidigung: Wird das was?

Thomas Helmer: Deutschland ist einer der absoluten Favoriten auf den Titel. Wir haben Topspieler und Jogi hat das immer sehr gut hinbekommen. Ich habe große Hoffnung, dass wir den Titel verteidigen.

An welchen Moment aus Ihrer Profikarriere erinnern Sie sich am liebsten?

Thomas Helmer: Natürlich an den ersten Titel, den Pokalsieg 1989 mit Borussia Dortmund. Und an das Jahr 1996: Europameister mit der Nationalelf und UEFA-Cup-Sieg mit dem FC Bayern. Es war sicher eines meiner besten Jahre.

Letzte Frage: Kicken Sie selbst noch?

Thomas Helmer: Ja, im Sommer habe ich unter anderem im Legenden-Team in Mexiko gespielt mit Thomas Berthold, Icke Häßler, Jürgen Klinsmann, Pierre Littbarski, Andreas Brehme und vielen anderen. Die Benefizspiele mache ich vor allem, um meine früheren Mitspieler zu treffen, mal Zeit zu haben, mit ihnen länger zu quatschen.

Interview: Björn Sommersacher

29.12.2017, 10.59 Uhr

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