So ist der "Tatort: Im toten Winkel"

Das Pflege-Tabu

Die Bremer Kommissare erhaschen einen schockierenden Blick in einen "toten Winkel" des Pflegesystems, über den selten berichtet wird.

Mord an einer Demenzkranken

Darum geht's:

Der Rentner Horst Claase (Dieter Schaad) tötet aus Verzweiflung seine demenzkranke Frau. Kommissarin Lürsen (Sabine Postel) und Kollege Stedefreund (Oliver Mommsen) müssen weniger ermitteln als verstehen, wie passieren konnte, was passiert ist. Der Gutachter Carsten Kühne (Peter H. Brix) macht die Ermittler mit dem Alltag von Familien vertraut, die sich aufopferungsvoll um ihre pflegebedürftigen Angehörigen kümmern. Angesichts der Mängel im Gesundheitssystem und der persönlichen Schicksale stockt den Kommissaren der Atem.
 

Alt werden ist nichts für Feiglinge

Die Kommissare ...

... hadern mit dem Pflegesystem und ihrer eigenen Sterblichkeit.

Für Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) allerdings kein Grund, sentimental werden. Sie plant für sich ein "sozialverträgliches Frühableben. Wenn wir das alle tun würden, hätte unser Staat ein paar Probleme weniger."
 

Den Finger auf die Wunde legen

Realitäts-Check 

Der "Tatort: Im toten Winkel" will viel mehr als 90-Minuten-Krimi-Unterhaltung sein.

"Die häusliche Pflege, also das was hinter den verschlossenen Türen passiert, ist immer noch ein großes Tabuthema ... Wenn wir es schaffen, dass die Menschen darüber reden, und die Verantwortlichen in der Politik vielleicht auch zuschauen und entsprechend handeln, dann haben wir unser Ziel erreicht. Denn Filmemachen hat für mich auch etwas mit Verantwortung zu tun." Drehbuchautorin Katrin Bühlig

Dafür recherchierte Grimmepreisträgerin Bühlig ("Restrisiko") gründlich. U.a. begleitete sie einen Gutachter des MDK, des Medizinischen Dienstes in Berlin. "Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, die ihre Angehörigen pflegen und damit weit über ihre Belastungsgrenze gehen", so Bühlig.
 

Zum Wegrennen!

Einschalten oder abschalten?

Schon wieder ein Stoff, bei dem man am liebsten aus dem Zimmer rennen möchte! Allerdings aus anderen Gründen, als zuletzt bei den Ludwigshafenern und ihrem "Tatort: Waldlust". Denn was beim Team Odenthal komplett misslang, erheben die Bremer fast schon zur Alltagskunst: Ein Thema abseits von gängigen Sehgewohnheiten zu präsentieren, bei dem alles stimmt: die bedrückend realistische Inszenierung von Regisseur Philip Koch (Deutscher Fernsehpreis für "Operation Zucker"), Optik (Kamera: Jonas Schmager), Story. Dazu klasse Personal, das durch zurückhaltendes Spiel überzeugt (beklemmend: Dörte Lyssewski als überforderte Tochter). Verzicht auf jeglichen dramaturgischen Schnickschnack. Und als Goodie sogar noch mit Botschaft: Wehe, wenn wir dereinst dank Generationenvertrag dem eigenen Pflegesystem in die Hände fallen! Soll keiner sagen, er hätte es nicht gewusst! Also: Einschalten!

Erstausstrahlung: 11.3.2018, 20.15, Das Erste

Wie brutal ist der "Tatort: Im toten Winkel"?

9.3.2018, 11.44 Uhr

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